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Weihnachten bei den Karennis

Wenn da einer meint, dass es hier keinen Weihnachts und Feiertagsstress gibt, dann hat er sich gewaltig geirrt! Was hier wegfällt, ist der Konsumterror und die Christkindlmärkte und der Geschenkezwang.

 

Ein Grossteil der Karennis sind Christen. Anfgang des Jahrhunderts zogen Missionare durch ihr Gebiet und gründeten Schulen – die einzigen die es oftmals gab. Babtisten, Jesuiten und Katholiken gründeten im Dschungel ihre Missionsstationen. Allerdings hat ihre Form des Praktizierens der Religion kaum etwas mit unseren erstarrten europäischen Strukturen gemein. Es ist lebendiges Urchristentum. Und deshalb ist Weihnachten für die meisten ein grosses Ereignis.

 

Man besucht die Familie – die meist verstreut auf die grossen Camps und die kleinen Kayan (Long Neck)Dörfer sind. Alle Arbeit liegt still, man erreicht niemanden – die Büros in der Stadt sind geschlossen, und in den Camps gibts keinen Empfang.

 

 

 

Obwohl es viel zu tun gäbe, bleibt mir nichts anderes übrig, als mich dem Lauf der Dinge zu ergeben. In den Camps laufen die Weihnachtsvorbereitungen auf Hochtouren. Die Feierlichkeiten beginnen am 24. und enden mit Neujahr. Dazwischen gibt es viele Feiern, zu denen man herzlichst geladen ist.

Ich schliesse mich der Gruppe an, die den Weihnachtsabend in Huay Pu Keng verbringen wird.Ein Pick Up Truck holt uns an der Hauptstrasse ab, und wir schlichten uns und das Gepäck asiatisch in und auf das Auto. Und los gehts Eine knappe Stunde dauert die Fahrt, entlang des Flusses, auf einem rumpeligen Feldweg.
Wir überqueren den Fluss in einem der Longtail Boote, das dem Dorf gehört.

 






Der offizielle Weg für Touristen ins Dorf ist nur per Boot von einer weit entfernten Anlegestelle. Dort bezahlt man die Bootsfahrt, und den Eintritt. Huay Pu Keng ist eines der drei Kayan Dörfer.

Im Dorf teilen sich alle auf – manche haben Familie, manche Freunde – willkommen ist man überall. Wir sind zu Gast bei Ma Pai. Sie hat vier Töchter. Zwei von ihnen tragen die Ringe. Die älteste spricht gutes Englisch. Auf die Frage warum sie die Ringe trägt, meint sie , damit die Schwester sie nicht tragen muss. Aus Tradition wurde ein Familieneinkommen. Für die beringten Frauen erhält die Familie einen finanziellen Zuschuss von der Thai Regierung. Der Eintritt ins Camp geht an die Thais.

 

 

Touristen sind Weihnachten keine da, und es ist lustig sich im Dorf zu bewegen – überall treffe ich auf Freunde und Bekannte, werde eingeladen auf den traditionellen Reiswein, und lerne noch mehr Leute kennen. Neben der kleinen Dorfkirche, die festlich mit Ballons und Girlanden geschmückt ist, steht eine lange Tafel. Schichtweise wird das ganze Dorf verköstigt – Karenni Festessen: Reis mit einer dünnen Blättersuppe und gebratenes Schweinefett.

 

 

Bis Mitternacht ziehen Gruppen von Sängern von Haus zu Haus, wer etwas hat gibt Kleingeld – meistens wird Reiswein gereicht. Um Mitternacht beginnt die Messe in der Minikirche, die voll ist. Pfarrer gibt es keinen. Ein Karenni liest aus der Bibel – in Kayah, und dann wird wieder gesungen. Erst als „Stille Nacht Heilige Nacht“ angestimmt wird, fällt mir ein, dass Weihnacht ist. Es ist alles so anders hier. Obwohl ich den ganzen Tag über Jingle Bells gehört habe, in einem Dorf, abgenabelt vom Rest der Welt, umgeben von dichtem Dschungel, ohne Strom in simplen Bambushüttchen, wo Kayanfrauen, mit scheinbar langen, beringten Hälsen auf ihren Terassen Tücher auf den traditionellen Hüftwebstühlen herstellen.

 

 

Die drei Kayan Doerfer nahe MaeHong Son sind keine offiziellen Flüchtlingscamps. Die Menschen haben sich nach jahrelangem Flüchten vor den burmesischen Truppen, hier auf Thai Boden angesiedelt. Die Regierung gestattet ihnen das Bleiben, verlassen dürfen sie das Dorf nicht. Sie haben keine Papiere, keinen Flüchtlingsstatus und werden auch von den grossen NGOs nicht versorgt. Sie sind ganz sich selbst ueberlassen – und den Touristen, denen man allerdings eine andere Version erzählt.

 

 

Seit einem Monat gibt es ein kleines Gästehaus auf einem Hügel, der das Dorf überblickt.5 Hütten, mit je einer kleinen Terasse, auf der man gemütlich sitzen kann und dem Dorftreiben zusehen kann, haben sie selber gebaut – und hoffen auf Besucher. Was eingenommen wird, darf das Dorf behalten.

 

 

Ich bin in einer der Hütten untergebracht, und liege lange wach: die Sänger werden auch nach Mitternacht nicht müde. Erst im Mogengrauen wechselt der Gesang zu Hahnenkrähen und Hundegebell. Der Himmel ist wolkenverhangen. Am späten vormittag tauchen die ersten neugierigen Touristengruppen mit ihren Kameras auf , und schauen in die Häuser. Die Menschen hier haben sich dran gewöhnt.

 

 

Gegen Mittag beginnt es zu regnen und wir beschliessen heimzufahren. Niemand kann sich dran erinnern, dass es jemals zu Weihnacht geregnet hat. Auch hier wandelt sich das Klima. Wieder sind wir ins Auto geschlichtet – diesmal zusätzlich mit Gepäck, weils ja regnet. Die Strasse ist wegen dem Wetter in dementsprechendem Zustand. Nach einer knappen halben Stunde haben wir eine Panne. Im Regen stehend sehen wir dem Fahrer zu, wie er das rauchende Hinterrad zerlegt, um die Bremsen zu kühlen. Es dauert lange bis wir daheim sind, durchnässt und müde – aber fröhlich und zufrieden: es war ein schönes Fest.

 

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Huey Pu Keng

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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