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Zwischen Welten – Leben im Karenni Camp, Nordthailand

Ungekürzte Urfassung des im September 2006 erschienenen Artikel im Südwind: "Zwischen zwei Welten"


Mee Rah sitzt vor dem Haus und flicht an den neuen Blätterschindeln. Auf der Feuerstelle gart ein Bananenstrunk: fürs Schwein wird gekocht. Me Lu , die Nachbarin, hat schon die Fäden für einen neuen Sarong in den Stammesfarben gespannt und lehnt im Hüftwebstuhl im Schatten der Hütte, das Baby an der Brust. Das rhythmische Stampfen der Reismörser ist mit Kinderlachen untermalt.

Abends, bei Kerzenschein, wird der Krug mit Reiswein weitergereicht. Lou Law erzählt eine Geschichte von zu Hause, schlägt sich dabei aufs Knie, und die Runde bricht in schallendes Gelächter aus. Selten habe ich so viel gelacht wie mit den Karennis und das Leben als so schön und leicht empfunden, wie in dieser noch grossteils intakten Kultur mit ihren 3000 Jahre alten Wurzeln.

Ban Kwai, Karenni Camp 1, liegt in den weitläufigen Bergtälern nahe der Thai Burma Grenze. Die ersten Bewohner waren 1985 auf der Flucht vor dem Völkermord in Karenni hier angekommen. Was als flüchtige Siedlung im Dschungel errichtet worden war, ist angewachsen – auf Thai Boden. Die Behörden gewährten den Flüchtigen das Recht zu bleiben, solange sie das „Camp“ nicht verliessen. Heute leben 20.000 Karennis, Angehörige der unterschiedlichsten Ethnien, in Camp 1. Privatsphäre gibt es keine, auch keinen Strom, kein Telefon, und ab neun am Abend Ausgangssperre. Kein Kontakt zum 21. Jahrhundert, welches praktisch vor ihrer Tür liegt. Die wenigen grossen NGOs, die sich die schwierige Aufgabe dort Hilfe zu leisten gestellt haben, müssen bei Einbruch der Dunkelheit die Hüttenstadt verlassen. Fremden ist der Zutritt seit 2003 verboten.

Nach anfänglicher Scheu erzählten mir meine Karennifreunde mit ruhiger, leiser Stimme und verlegenem Lächeln Geschichten von Verfolgung, Zwangsarbeit, Hinrichtungen, Massenvergewaltigungen und unendlich mehr an Grauen und Leid.

20 Jahre auf der Flucht, als unerwünschter Fremder, ohne Land und ohne Rechte, löschen die Geschichte und die Traditionen dieser alten noch lebendigen Kulturen aus. Dabei sind sie alle Teil unseres kulturellen Vermächtnisses. Mit ihnen verschwindet ein riesiges Archiv an Wissen von unzähligen Alten, Heilern, Bauern, Fischern, Hebammen , Dichtern und Künstlern.

Während der Völkermord in Karenni international scharf verurteilt wird, ist der Ethnozid - die Zerstörung der Lebensweise eines Volkes – immer noch als angemessene Entwicklungspolitik akzeptiert.

Für die Mehrheit dieser vom Westen „entwickelten“ Völker endet die Trennung von den eigenen kulturellen Wurzeln unweigerlich in den Slums der Grosstädte. Statt des versprochenen Paradieses finden sie dort nur einen Platz auf der untersten Sprosse einer wirtschaftlichen Leiter, die nirgendwo hinführt. Unfähig zur Vergangenheit zurückzukehren sind sie jeglicher moralischer und ethischer Einschränkungen beraubt. Eine gefährliche Situation. Unser westliches Modell, der Ausdruck unserer kulturellen Werte, hat vielerorts versagt.

Zurück zu den Karennis. Bei ihnen ist es bereits eine ganze Generation, die ohne Identität zur Welt kam und aufwuchs. Ohne ein Dokument, welches von ihrer Geburt zeugen könnte, existieren sie weder für die Thais noch für die Burmesen.
Die Führer dieses Volkes auf der Flucht sind völlig überfordert, mit der Tatsache, dass sie 22.000 Menschen organisieren und verwalten sollen. Es sind die unterschiedlichsten Ethnien hier versammelt, und allein einen Sprachkonsens zu finden ist schwierig. Alle Strukturen im Camp werden – mit minimalster Unterstützung von aussen – von den Flüchtlingen selbst errichtet und erhalten. Sie bauen Schulen, Kliniken, Wassersysteme und versuchen sich seit neuestem in vertikalem Anbau: Land für Agrikultur gibt es nicht.

Die Karennis stellen fast das gesamte Personal für Schulen, Waisenhäuser und diverse Verwaltungseinrichtungen. Die meisten kommen aus kleinen, autonomen Dorfgemeinschaften. Aufgrund der Tatsache dass im Land kaum Schulen existieren, gibt es immer noch Zulauf zu den Camps, wo inzwischen für 7000 Schüler ein Schulsystem eingeführt wurde. Die Unterrichtsmethoden stammen aus einem vergangenen Jahrhundert.

Welche Chancen bleiben hier für die Entwicklungszusammenarbeit?

Die „traditionelle“ Herangehensweise internationaler grosser Hilfsorganisationen in Bildungsangelegenheiten ist die, westliches Wissen vereinfacht darzustellen und dieses ohne Einbeziehung der kulturellen Identität der Zielgruppe, an diese weiterzugeben – auch an die Karennis.

Eine Kultur, deren Verständnis von Lernen auf das Repetieren von Schlagworten reduziert wurde, ist vom Umsetzen des Erlernten weit entfernt. Auch hat sie so keinerlei Werkzeug erhalten, um in einer von westlichen Werten dominierten Welt zu bestehen, geschweige für ihre Rechte einzutreten.

Die jungen Karennis, die keinen Zugang mehr zu den eigenen Wurzeln haben, meinen, in der Imitation des Westens liege alles Heil. Eine schwierige Situation.

Inzwischen gab es eine Blüte an kleinen Organisationen, die aus den Strukturen der Betroffenen selbst hervorgegangen sind. Respekt, Vertrauen und Freundlichkeit sind hier die Voraussetzung für ein erfolgreiches Arbeiten.

Auch wurden bei einer an die Kultur angepassten Lehrmethode bereits interessante Ergebnisse erzielt. Bei vielen Projekten, an denen die Karennis von der Idee bis zur Vollendung aktiv mitgewirkt haben, wird deutlich, dass zielgerichtetete Entwicklungszusammenarbeit den Mangel an Geld durchaus wettmachen kann.

Trotz allem grenzt es an ein Wunder, mit welchem Mut, unerschütterlichem Glauben und Hoffnung die Karenni täglich das schier Unmögliche bewältigen. Niemand hat die entsprechende Ausbildung, das Handwerkszeug um das alles zu bewältigen. Ohne Land und Ressourcen machen die Flüchtlinge mehr als Überleben - sie leben.

Die Hälfte des gesamten kulturellen Vermächtnisses der Erde wurde in nur einer Generation aus der Existenz gedrängt. Mit jeder Kultur die verschwindet, geht auch ein Teil von uns selbst verloren. Es ist an der Zeit, andere Kulturen als gleichwertige alternative Lebensvisionen, einzigartige Manifestationen des menschlichen Geistes anzuerkennen und als Potential für unsere eigene Erneuerung zu erhalten.

Wenn ich mit meinen Karenni Freunden die Sorgen weglachen darf, dann wünsche ich mir ganz fest, eines Tages in Freiheit gemeinsam durch die Berge Karennis zu wandern und teilzuhaben an der Erhaltung eines der letzten Paradiese der Erde.

Zur Person
Gabriele Schaumberger ist die Gründerin von „Ethnosphere“, Verein für Bildung, Interkulturellen Dialog und Projekte Indigener Völker.
Seit über zehn Jahren engagiert sie sich speziell für die Ethnie der Karenni an der thailändischen Grenze und verbrachte insgesamt über ein Jahr in der Region.
Zuletzt kehrte sie Ende April 2007 von einem dreimonatigen Aufenthalt in Mae Hong Son nahe der Camps zurück.

Quellen
Thai Burma Border Consortium: 20 years on the border
Thailand, 2004

 

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